Endlich andere Musik.
  • Eurovision Song Contest 2014: Das sind die deutschen Songs (Teil 1)

    ESC_Vorentscheid_MarieMarie

    Quelle: NDR/Alexander Rapp. „MarieMarie“ – mit dabei auf dem Weg zum ESC-Vorentscheid: Die scharfe Harfe.

    Kopenhagen. Zu viele Windmaschinen. Zu viele Leute mit zu schlechtem Musikgeschmack und zu großer Selbstüberschätzung. Eine Symbiose aus paneuropäischem Partyfeeling, suizidalen Gedanken und Klamotten, die sogar Olivia Jones zu extravagant fände. Na, klingelt was bei Ihnen? Nicht? Dann schauen Sie mal nach links oben auf Ihrer Tastatur. Hihi.

    Jawohlja: Die diesjährige ESC-Saison ist eröffnet, der Eurovision Song Contest 2014 steht uns bevor, der beste Grund um für ein paar Monate nach Hinterasien auszuwandern. Und damit Deutschland bei dieser musikalischen Sadomasoveranstaltung nicht ohne Song dasteht, wird am 13. März in Köln ein Lied für Kopenhagen ausgewählt. Jeder der acht Teilnehmer stellt zwei Titel vor – und in diesem Blog werfen wir einen Blick darauf. Zugegeben, im vergangenen Jahr hatten die deutschen TV-Zuschauer kein ganz so gutes Händchen: Cascada landete im hinteren Hinterfeld des Scoreboards.

    Grund für Vorfreude auf das ESC-Finale gibt es aber trotzdem: Dänemark dürfte sich im Mai als guter Gastgeber erweisen. Anders als in Aserbaidschan wurden hier keine alten Wohngebäude samt Bewohner für ein neues ESC-Stadion abgerissen, hier scheint Recycling das Motto zu sein, ein ESC im Zeichen des Grünen Punktes sozusagen: In Kopenhagen bedient man sich einer ausgedienten Werfthalle und verpasst dem Popfestival so einen ungewohnten Industrielook. Das verspricht spannend auszusehen. Hoffentlich ist Reclyling aber nicht auch das Motto der Komponisten gewesen. Schauen wir mal.

    Madeline Juno…

    …kommt aus dem Schwarzwald und ist gerade mal 18 Jahre alt, also genau im richtigen Lena-Alter. Figur, Haare und Lippenstift stimmen auch, das liefert für die internationalen ESC-Kommentatoren auf jeden Fall genügend Gesprächsstoff: Ob Deutschland in diesem Jahr auf Bewährtes setzen würde und einfallslos wäre, ob Deutschland nicht noch andere Ideen hätte. Und dann würden sie den Song „Like Lovers Do“ oder „Error“ hören und dann wäre ihnen klar, dass unsere ESC-Teilnehmerinnen vielleicht gleich aussehen mögen, aber sich doch angenehm voneinander unterscheiden. (Okay, Roman Lob ist auch nicht im kleinen Schwarzen auf die Bühne gegangen.) Hier der Song „Like Lovers Do“. Schöne Sache, jedenfalls in dieser durchproduzierten Studioversion. Die akustischere Variante ist zwar auch ganz nett, was zum Träumen, Zuhören, dafür-Zeit-nehmen. Und das klappt in der aufgeheizten ESC-Atmosphäre eher selten. Also wenn, dann bitte mit Krawumms und Schmackes. Danke.
    Ihren zweiten ESC-Beitrag „Error“ kann man hier anhören. Finden Sie den nicht auch ein wenig nölig, ein wenig anstrengend sogar für drei Minuten (auf die man den Song dann den Regularien wegen zurückkürzen muss)? Ich finde ja. Also bitte „Like Lovers Do“.

    MarieMarie…

    …lässt den geneigten Betrachter erstaunen: Huch, die beim ESC machen neuerdings auf Kunst? Auf indie’esque Klänge, die man eigentlich nur in zugequalmten Kellerklubs und auf Youtube-Kanälen mit nervigen Instagramfotos von Sonnenuntergängen und verliebten Hipsterpärchen im Sepiafilter erwartet? Ja. Und das ist eine wunderbare Idee gewesen, klingt die ganze Chose doch nun nicht ganz so nach Kommerz und Ralph Siegel, wie es noch vor einigen Jahren der Fall war. Zugegeben, große Chancen rechne ich MarieMarie nicht zu, da ein wenig arg speziell. Aber viele neue Fans dürfte die Band sicherlich dadurch gewinnen. Und das ist gut so.

    Der zweite Beitrag kommt für meinen Geschmack ein wenig zu gefällig daher: „Candy Jar“. Anhörbar inzwischen schon auf Youtube und in einer zweiten, ruhigeren Variante auf der Eurovisions-Homepage des NDR. Die Sache mit den Süßigkeiten scheint es MarieMarie angetan zu haben. Der zuerst vorgestellte Song ist aber das durchaus süßere Bonbon, um diese peinliche Metapher auch noch strapaziert zu haben.

     

    Santiano…

    …sind auch dabei und weil sie ja von der See kommen sozusagen das Gegenstück zu LaBrassBanda vom vergangenen Jahr. Sind die wirklich eine gute, akustische Visitenkarte unseres Landes? Santiano haben in der Vergangenheit schon erfolgreich genug in der Folklore der Waterkant gefleddert und irisch anmutende Klänge mit Maritimen vermengt, aber irgendwie stehe ich der ganzen Musik dieser Seefahrerbande nicht gerade positiv gegenüber. Das klingt so künstlich, obwohl’s authentisch sein soll, so als wenn man es sowieso schon seit Ewigkeiten in einem ProSieben-Werbeblock bis zum Kentern gehört hat. Nunja, ihre Entscheidung, wenn SIE die in der dänischen Werfthalle singen hören wollen, ich will’s nicht. Dann rummst vielleicht noch der Geist eines verstorbenen Tankers auf die Bühne hinab. Der erste Beitrag der Formierung hört sich wie folgt an, der zweite („Niemals untergehen“ – irgendwie ein schwieriger Titel für einen deutschen Beitrag, der eigentlich auch gut zu Unheilig passen würde) ist noch nicht veröffentlicht.
    Kleiner Exkurs: Mit Seeleuten hat man beim ESC bisher eher nur so mittelgute Erfahrungen gemacht. Hören Sie mal, wie lustig die „Pirats of the Sea“ mit ihrem Smash-Hit „Wolves of the Sea“ schon vor Auftrittsbeginn ausgebuht werden. Okay, das war damals DJ Bobo für ganz arme, Santino dürfte man wenigstens nach eingelegtem Aal und einer Tasse Küstennebel gut finden. Gröhlgröhlgröhl.

    The Baseballs…

    …huiii. Von denen haben wir aber auch lange nichts mehr gehört. Und ich gebe zu: Auch diese Jungs haben ein wenig was von der Seltsamkeit, die ich soeben den etwas älteren Jungs von Santiano angeheftet habe. „Mo Hotta Mo Betta“ ist vom Text her recht schnell zu überblicken, von der Melodie auch – und damit schon ziemlich gut für den Grand Prix. Nur ohne Tonhöhenveränderung im dritten Refrain, aber das könnte man sicherlich noch einbauen.
    Der zweite Beitrag trägt übrigens den Titel „Goodbye Peggy Sue“. Wie der klingt? Auflösung bald. Eine Frage schon jetzt: Ob der Stil so klasse auf die ESC-Bühne passt? Belgien ging damit vor ein paar Jahren ziemlich baden (vorletzter Platz im Semifinale, ganz unschöne Story). Die Baseballs machen das bekanntlich aber schon etwas länger und müssen auch hoffentlich keine so hirnrissige, unangenehm riesengroße LED-Höllenbühne betanzen wie der Belgier damals in Moskau. Aufmerksamkeit hätten wir mit denen vermutlich schon mal.

    Und darum geht’s doch nur, beim ESC. Oder?

    In der nächsten Woche schauen wir uns die Beiträge von so unbekannten Indie-Alternative-Künstlern wie Unheilig und Oceana an. Das wird bestimmt spannend. Die machen nämlich auch beim Vorentscheid mit. Ob gegen die eine zierliche Madeline Juno oder die drollige MarieMarie ankäme? Hoffnung hätte ich.

    Daniel Kähler
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